10.000 Schritte machen oder lebendig sein

Es war früh am Morgen, es hatte die ganze Nacht geregnet, deshalb hatte ich Gummistiefel an und trug einen Regenschirm bei mir. Als ich an dem vertrauten Asphaltweg ankam, der mich den Berg hoch begleiten sollte, hatte ich das Bedürfnis, meine Stiefel auszuziehen und den Berg, wie so oft in den letzten Wochen, barfuß hinaufzulaufen. Bereits gestern hatte ich den gleichen Gedanken gehabt und meine Stiefel angelassen; es war mir unvernünftig erschienen, bei so einem Wetter barfuß zu laufen und dann auch noch meine schweren Schuhe tragen zu müssen.

Doch heute war es anders: Ich musste diese Schuhe ausziehen und barfuß laufen. Der Boden war nass, kleine Steine piekten mich hin und wieder, und ich musste nicht nur meine Stiefel, sondern auch den Regenschirm tragen – doch es fühlte sich richtig an. Heute früh war ich mürrisch aufgewacht, kritische Fragen und unangenehme Antworten waren in meinem Kopf, noch bevor ich überhaupt realisiert hatte, dass bereits ein neuer Tag begonnen hatte.

Das war jetzt anders, ich hatte wieder diese andere Verbindung mit mir, völlig unabhängig von meinen aktuellen Lebensumständen, dem Kritiker in meinem Kopf und meiner niemals endenden To-do-Liste. Ich fühle mich frei, wild, bewegt von der harten Straße, dem satten Grün am Wegesrand und dem Nieselregen, der meine Haut nährte.

Mein vertrauter Weg dauerte ca. 30 Minuten und führte mich steil bergauf und bergab. Ich konnte ihn von zuhause aus gehen, und das war wunderbar: kein Anfahrtsweg, kein Vorbereiten, einfach loslaufen. An manchen Tagen tat ich es, weil ich es als Warm-up für meine Fitness-Routine mit eingebaut hatte; an anderen wiederum preschte ich diesen Berg hoch, als wenn der Teufel hinter mir her wäre – wütend oder frustriert oder einfach überdreht und überfordert von meinem eigenen Leben, meinem eigenen Tun oder der Unfähigkeit, mich an meine von mir selbst aufgestellten Regeln zu halten.

Aber manchmal, so wie heute, war ich einfach nur Teil des Ganzen, das sich Leben nennt. Fitness hat viele Namen, viele Facetten, doch ich möchte ihr heute keinen Namen geben, sondern ein Gefühl… Es ist dieses Gefühl, am Leben zu sein, in Verbindung mit sich selbst zu treten, durch die Schritte auf dem harten Asphaltweg, den Wind auf meinem Gesicht, der Erkenntnis, dass es vielleicht doch noch etwas gibt, was es sich lohnt anzuschauen oder gar noch einmal wagemutig zu sein, ein Leben zu leben, das sich nicht anfühlt wie Schuhe, die eine Nummer zu klein sind, aber nicht abgestreift werden können.

Ein Auto, das den Berg hinauffährt, unterbricht die Stille meiner Gedanken und den Applaus meines Körpers, der so dankbar dafür ist, dass ich meine Schuhe wieder einmal ausgezogen habe. Ich gehe dennoch weiter, genährt von diesem Augenblick, auch wenn er nicht ewig anhalten wird.

Manchmal beginne ich diesen Weg, um mich zu bewegen, wach zu werden oder auch einfach nur, um Schritte zu machen. Und dabei spielt die Tageszeit keine Rolle, denn wach werden macht auch am Abend Sinn, wenn ich den Tag in einer Art Koma und Schläfrigkeit verbracht habe, was ich immer daran erkenne, dass die Farben in meinem Leben dunkler zu sein scheinen als sonst, ich hektisch oder nervös bin, ohne den Grund zu kennen. Wach werden heißt für mich, mich klar zu fühlen, erfrischt von dem Leben statt erschöpfet.

Schritte machen ist wichtig, für den Körper, für unser Wohlbefinden – besonders wenn wir uns wieder einmal in dem Modus der Selbstoptimierung oder Reparatur befinden, weil wir uns für nicht schön, nicht richtig, nicht gut genug finden. Doch noch viel wichtiger ist es, diese Schritte als Nebeneffekt zu sehen, als Einstieg in die Verbindung zu uns selbst. Gehen, lächeln, die Schuhe ausziehen, wenn es das Wetter noch zulässt, den Regen auf uns prasseln zu lassen, statt den Schirm aufzuspannen, das Grün und die zarten Spinnenweben zwischen den Grashalmen zu entdecken und einfach nur einen Schritt vor den anderen zu setzen, weil sich Bewegen etwas ist, was ein Türöffner sein kann zu uns selbst. Wer immer das auch sein mag, dieses Selbst, von dem wir alle immer so wissend reden. Zeit, die Schuhe wieder anzuziehen und den Weg für heute zu Ende zu gehen. Das Tagwerk wartet, aber es wird etwas leichter sein – manchmal viel, manchmal auch nur wenig, aber ein bisschen, und wenn es nur ein bisschen ist, auf jeden Fall.

Möchtest du mehr darüber erfahren, oder liebst leckere gesunde Rezepte, Bewegungen, die dich nicht nur stark, sondern auch glücklich machen? Vielleicht ist dir auch deine Art, über dich selbst zu denken, nicht nur lästig, sondern schadet dir auch – dann komme einfach wieder.

Liebe Grüße Petra

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